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17. September |
VM

1420 Kilometer-Klassiker London-Edinburgh-London

Das Leben eines Pensionärs scheint doch anstrengend zu werden. Mit meiner Verfassung ging es gleich am 1. Tag bergab und es zog mich im Tagesverlauf weiter herunter. Den ganzen Tag über bin ich in Gesellschaft von Mitstreitern von Schottland kommend durch Nordengland, morgens von Market Rasen ca. 270 km nach London im Süden geradelt.

Mein 1. Tag als Pensionär: Ein Erlebnisbericht zum 1.8.2013 und davor.

Es ging mit mir deutlich bergab; denn zur Feierabendzeit im Ziel war ich hundemüde. Auch die Landkarte zeigte an, dass es mit mir nach Süden immer weiter runter ging.


 
Ein kleiner Reisebericht von Ulli

Die drei Tage zuvor, in denen ich noch als steuerpflichtig Beschäftigter geführt wurde, fühlte ich mich besser, denn da bin ich die zur Gesamtstrecke zugehörigen davorliegenden 1200 km geradelt: Es ging von London nach Edinburgh und zurück. Es ist eine Streckenlänge, für die eigentlich jeder in den Zug, wenn nicht gar ins Flugzeug steigen würde. Und doch sind diese gleichartigen Distanzveranstaltungen vor über 100 Jahren entstanden, als die Entwicklung des heutigen Fahrrads den einfachen Menschen neue Freiheiten ermöglichte und die abenteuerlichen Berichte in den Zeitungen begierig gelesen wurden.
Schlägt man einen Radius von 1.500 km um Wunstorf, welche Orte in weniger als einer Woche zu erreichen sind, zeigt das die Leistungsfähigkeit des technischen Gerätes Fahrrad. Mich fasziniert schon seit der Kindheit, dass ich mit der Mensch-Maschine Kombination die biologische Evolution überflügeln kann.

Es war nicht nur ein langer, sondern auch äußerst bergiger Weg, der alle typischen Wetter des Landes bot. Er führte u.a. durch die traditionellen Grafschaften Englands Lincolnshire und Yorkshire und über die eindrucksvolle Hängebrücke, die Humber Bridge, bis in den Süden Schottlands.
Dass die Briten auf der verkehrten Straßenseite fahren, war für mich anfänglich gerade bei Rechtskurven gewöhnungsbedürftig. Start war ein Vorort Londons, die Strecke geht nahe der Ostküste entlang, später gen Westen und hoch in das schottische Edinburgh und auf fast dem selben Weg wieder zurück. Hauptsächlich fuhr ich zusammen mit einem Bekannten aus Frankfurt. Wir schlossen uns aber häufig mit Gruppen zusammen, um uns nicht nur bei dem starken Gegenwind abzuwechseln, sondern auch für die interessanten Unterhaltungen mit Randonneuren aus vielen Ländern. Wenn man über einige Fremdsprachkenntnisse verfügt, ist das besonders spannend, von deren Leben und Perspektiven zu erfahren und über viele Sinnfragen zu philosophieren.

Logischerweise wird unter den Teilnehmern selten die übliche Frage gestellt, warum man sich so eine extreme Langstrecke überhaupt ‚antut’.
Eine gute Physis ist Voraussetzung, um die Anpassungsfähigkeit des menschlichen Körpers nach gezieltem Training und die unglaubliche Belastbarkeit von Körper und Geist in dauernd wechselnden Land- und Ortschaften im Tagesverlauf bei wechselnden Wetter und Gerüchen zu erleben. Natürlich ist eine mehrtägige Veranstaltung mit körperlichen Anstrengungen und Schlafdefiziten in vielfältiger Weise auch Selbsterfahrung. Es melden sich die besonders belasteten Körperteile im Verlauf auch schmerzhaft. Neben meinem - an meine afrikanischen Verwandten erinnernden - Hintern, schliefen die Hände häufiger auch bei der Arbeit ein. Es wird zu einem nachhaltigen Erlebnis, mit Gleichgesinnten solch eine große Herausforderung in Selbstverantwortung bestehen. Die Hilfsbereitschaft ist groß, so dass jedem mit einer Panne am Wegesrand, Hilfe angeboten wird. In gewisser Weise ist es eine Form der Meditation, die Gedanken schweifen anfänglich noch in der Enge der eigenen Existenz, um sich später beim Dahinradeln immer mehr zu befreien. Auch wenn alle das Ziel im Zeitlimit erreichen wollen, ist doch der Weg das Ziel.

Das Kontrollheft wird an den Kontrollstellen mit Stempel und Uhrzeit versehen

LEL findet alle vier Jahre im Wechsel mit dem alten Klassiker, der französischen Paris-Brest-Paris (PBP) Fahrt statt, an der ich schon dreimal teilgenommen habe. So traf ich viele alte Bekannte auf dem Campingplatz wieder und lernte neue Fahrer kennen. Die Tage und Abende zuvor waren voll mit Geschichten aus der Randonneursszene. Die Anreise mit dem Flugzeug beschränkte mein Gepäck, so dass ich die Gastfreundschaft und das regenschützende Zelt von Lüneburgern genießen durfte. Im Gegensatz zu PBP muß die Navigation zwischen den Kontrollstellen selbst übernommen werden, was bei den kleinen nicht mit Ortshinweisschildern versehenen Sträßchen durch mitgeführte GPS Geräte erledigt wurde, aber uns doch zusätzliche Kilometer abverlangte. Die Radtour ist eigentlich kein Rennen, denn es wird kein Zeitschnellster als Sieger geehrt, es geht ums Ankommen im Zeitlimit.

Aus allen Teilen der Welt reisten Ende Juli die Randonneure aus 33 Ländern in die britische Hauptstadt an. Während die französische Veranstaltung PBP die erfolgreiche Teilnahme einer Brevet Serie über 200 km, 300 km, 400 km und 600 km im Jahr der Veranstaltung vorschreibt, muss man bei LEL nur schnell bei der Anmeldung für die begehrten Plätze sein. In weniger als einer Woche waren alle Plätze schon im Januar vergeben.

Die meist in Schulen untergebrachten Kontrollstellen, die neben Speisen und Duschen zumeist auch große Matratzenlager in den Sporthallen anboten, mussten in Abständen von 40 bis 100 Kilometern für Kontrollstempel angefahren werden. Die von Freiwilligen getragene Organisation war perfekt und von beeindruckender Herzlichkeit. In Schottland versäumten die Organisatoren nicht, ein Gläschen zwölf Jahre alten Glenlivet Whisky - bei mir am frühen Vormittag - zu kredenzen. Die Helfer versorgten mit einfachem aber gutem Essen die ausgezehrten Radler und wiesen ihnen nicht nur ein Nachtlager zu, sondern boten für die vom Schlafdefizit gekennzeichneten Helden auch den dazugehörigen Weckdienst an. Aber die Schlafpausen beschränkten sich wegen des Zeitlimits auf wenige Stunden, so dass auch Strecken in der Nacht und in den frühen Morgenstunden zurückgelegt werden mussten. 
 
 
Zur Müdigkeit ein kleiner Sprachwitz zum Typ Rennrad:

Question: Why couldn’t the bike stand on its own?
Answer: It was two tired
 
 
Ein technischer Service an den Kontrollstellen kümmerte sich um die Fahrräder und auch meine einzigen Defekte. So wurde ich an der Kontrollstelle in Edinburgh zum Essen geschickt, während eine Lady einen Schlauch tauschte und die aufgrund einer harten Schlaglochdurchfahrt gebrochene Speiche ersetzte.
Aber auch die dunklen Tageszeiten vermittelten durch die veränderten Sinneswahrnehmungen einen eigentümlichen reizvollen Landschaftseindruck.
Auf den wenig befahrenen Straßen ließ sich die abwechslungsreiche Landschaft genießen und so manches Schloss mit riesigem Park bestaunen. Am nachhaltigsten haben sich die Hügellandschaften nahe London und im Norden in das Gedächtnis und die Beine eingebrannt.

Leider ist der Belag der Straßen teilweise noch schlechter als bei uns, so dass tiefe Schlaglöcher meine in die in die Ferne schweifende Blicke in wörtlicher Bedeutung auf den Boden der Tatsachen zurückholten. Auch scheinen so manche britischen Autofahrer ihr Gentleman-Image mit dem Einstieg in das Auto abzulegen und werden ihres ansonsten lässigen Understatements durch aggressive Fahrweise bis zur Humorlosigkeit verlustig. Für die Radler führte die distanzlose und zu schnelle Fahrweise zu gefährlichen Begegnungen.

Ich benötigte 106 Stunden Gesamtzeit mit den notwendigen Aufenthalten an den Kontrollstellen und kam damit im Zeitlimit als 350. Finisher von 1.000 Startern ins Ziel. Weil ich auch noch am Prologe durch London, mit Treffpunkt vor dem Buckingham Palast, auf teilweise gesperrten Straßen direkt am frühen Morgen vor dem Start teilgenommen hatte, zeigte der Tacho im Ziel fast 1.500 km an. Die reine Fahrzeit auf dem Rad betrug 65 Stunden.

Auch wenn jetzt noch einige Belastungsmerkmale den Körper kennzeichnen, habe ich vom Radfahren noch lange nicht genug. Gerade Langstreckenfahrten sind eine besondere Erlebnisform des - im wörtlichen Sinne - ‚Erfahrens’ von schöner Landschaft und freundlichen Menschen. In zwei Jahren findet die 18. Austragung von Paris-Brest Paris statt….

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