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Ein Lipper und ein Schaumburger in Flandern im Kampf gegen das Pflaster und die Hellingen

Kurz vor dem Ende der Cross Saison waren Olli und ich auf der Suche nach einer sportlichen Herausforderung. Am besten irgendwas Frühjahrsklassiker mäßiges. Nach kurzer Überlegung blieben nur Lüttich Bastogne Lüttich oder die Hatz durch das hügelige Flandern mit seinem typischen Pflasterstücken und den sogenannten Hellingen.
Das sind kurze bis 1,5km lange aber mit stellenweise über 20% steile Kopfsteinpflasterberge. Schnell war klar, Flandern muss fallen. Und außerdem kann man sich am folgenden Sonntag das Rennen der Profis auf der fast identischen Runde anschauen.

Also hieß es für und ab Januar so viele Kilometer wie möglich zu sammeln. 245km mit 1800 Höhenmetern am 5. April fahren sich nicht von alleine. Dabei kam uns das milde und trockene Frühjahrswetter zu Gute. Im Februar kamen so knapp 1300 und im März so 1600 km zusammen. Jeweils eine kleine Krankheit bzw. Verletzung kam dazwischen. Im Training haben wir es zumindest einmal geschafft, eine 180km Tour zu machen. Nicht so einfach zwischen Sonnenauf- und Untergang 6,5h Training zu packen.

Ein paar mal trieb es uns in die Senne auf das 8km lange Pflasterstück der alten Hausenbecker Allee und an den steilen Kopfsteinpflaster Berg in der Oerlinghauser Innenstadt. Von da an war klar, wir brauchen einen 25mm breiten Reifen. 28mm wären noch besser, aber die schliffen am Rahmen oder der Gabel. Bei der Übersetzung blieb Olli bei seinem kleinsten Gang von 36/25 und ich bei 39/25. Das musste reichen.

Am Freitag den 4. April war es dann soweit. Abfahrt nach Belgien. Morgens um 11 ging's los. Die Räder waren gewartet und die letzte Trainingsfahrt mit dem Dienstags Radtreff Gruppe war als Generalprobe gelungen.  

Nach gut 4h Fahrt und einen Zwischenstopp im BMC Shop in Gent (übrigens Hauptstützpunkt des Profi Teams) holten wir kurz unsre Nummern. Dann gab es flämisches Abendbrot. Eine Riesen Portion belgische Fritten. Im Anschluss schwangen wir uns noch einmal abends um 18 Uhr für 20km auf die Böcke, um die Beine an dem "alten Kwaremont" zu lockern und einen Eindruck über das Pflaster am Berg zu bekommen. Einen Tag später erwartete uns der gleiche Berg nicht bei Kilometer 8, sondern bei Kilometer 225. Und die Beine waren locker soweit. Zu Hause schnell ein Bier, die Sachen für den Renntag gepackt und zum einschlafen ein kleines Glas Wein. Der Wecker stand auf 3:45!!!

Nach kurzer Nacht ging's nach schnellem Frühstück los mit dem Auto zum Zielort Oudenaarde. Dort stiegen wir bei 6 Grad in den Bus, der uns in gut einer Stunde zum Start nach Brügge ans Stadion des fc Brügge brachte. Dort angekommen und eine Runde ums Stadion gedreht rollten wir gut 5km mit Licht durch das dunkle Brügge bis auf den wunderschönen Brügger Marktplatz. Hier warteten wir mit fast 4000 Radfahrern auf den offiziellen Start um 7 Uhr. Ein Kanonenschuss schickte uns pünktlich auf die Strecke. Die Wettervorhersage war perfekt. Bis 18 Grad und Sonne und wenig Wind. Zumindest von 18 Grad und Sonne war es, wie wir später feststellten, noch 2 Stunden entfernt. Also waren die ersten 60km mit kurzer Hose, Ärmlingeb, Windweste und kurze bzw. gar keine Handschuhe eher kühl. Aber wir wollten später nicht mit voll gestopften Trikottaschen die Hellingen hoch rollen. Da macht man mal Kompromisse.

 Alles lief bis hierher perfekt. Hauptziel für die ersten 120km war es Kraft zu sparen, gut zu essen und zu trinken und nicht zu stürzen. Wobei man sagen muss, dass die meisten Starter auf der langen Runde gute aufmerksame Radsportler waren. So sind wir gut und sicher am ersten Berg bei Kilometer 120 angekommen. Hier ist bei uns bei den meisten RTF schon Schluss. Hier ging es jetzt erst los. Inzwischen konnte man daran denken, die Windweste und die Ärmlinge auszuziehen. Auf den nächsten guten 120 km warteten jetzt 15 Anstiege, davon 8 mit Kopfsteinpflaster, und vier lange flache Kopfsteinpflasterabschnitte.

Der erste Berg war den der Wolvenberg mit 8% im Mittel und maximal 17% und 700 m Länge. Danach rüttelten uns die ersten zwei flachen Pflasterstücke die restliche Kälte aus den Füßen und Händen. Die Durchblutung funktionierte noch. Bei Kilometer 132 stand mit dem Molenberg der erste Pflasterberg auf der Liste. Kurz aber mit 14% maximal Steigung steil. Es ging lustig weiter mit den nächsten zwei flachen Pflasterstücken. Beide über 2 Kilometer lang. Und hier war klar, das Pflaster in der Senne ist eine Autobahn. Ich hatte hier einen kleines Kettenproblem und musste auf dem Pflaster vom Rad, um die Kette wieder auf das große Blatt zu befördern. Olli wartete auf der kuppe der nächsten Helling, dem Leberg mit 14% maximal Steigung. Danach folgten mit dem Valken- und dem Boignerberg zwei weitere steile Hellingen ohne Pflaster. Bei Kilometer 174 stand dann mit dem Eikenberg der erste schwere und zugleich lange Pflasterberg auf dem Aufkleber unsrer Oberrohre. 1,2km mit 6% mittlerer Steigung.

 Danach gab es bei Traum Wetter eine Stärkung bei km 180 in Oudenaarde dem Zielort.  Die Stärkung bestand hauptsächlich aus dem Nachfüllen der Trinkflaschen und aus belgischen Waffeln. Riegel waren nicht so der Hit und Bananen gabs so gut wie nicht. Inzwischen waren alle 16000 Starter auf ihrer Runde. Neben der 245er Schleife kann man eine 135 und 78km Runde wählen. Beide starten im Zielort. Trotz der vielen Teilnehmer lief alles schnell über die Bühne. Das Event ist super organisiert. Und das für 60€ Startgeld mit dem Bus Transfer.

Ab jetzt wurde es ernst. Auf den letzten 61km warteten noch 9 Hellingen, und dabei waren noch die Highlights der "Ronde". So nennt der Flame sein Rennen.

Und das Highlight überhaupt erwartete uns in 4km. Der Koppenberg. Ein 600 Meter langes Kopfsteinpflaster Monster mit 12% Durchschnitts- und 22% Maximalsteigung. Neben dem reinen Ankommen, war unsere Ziel, alle Berge hoch zu fahren und nicht zu laufen. Und das war am Koppenberg ein schwieriges Unterfangen zwischen schiebenden Radfahrern, bei 22% Steigung, Kopfsteinpflaster und einem vielleicht 2m breiten Hohlweg. Irgendwie sind wir fahrender Weise oben angekommen.
Weiter ging es über zwei weitere Kopfsteinpflasterberge, dem Steenbeekdries und dem Taienberg. Beide nicht zu schwer, wobei der Taineberg abschnitte bis 16% hat.

Bis zur letzten Verpflegung bei km 216 lagen mit dem Kaperij, dem Kanarienberg, dem Kruisberg und dem Karnemelbeek vier weiterer Hellingen im Profil. Einer davon mit Kopfsteinpflaster und alle recht lang um die 1,5km und mit Steigungen bis 14%. Und langsam wurden die Beinen dann doch schwer und müde. Die steilen Pflasterberge, wie der koppenberg, muss man ohnehin im sitzen fahren. Würde man probieren im Wiegetritt zu fahren, wird man mit Traktionsproblemen am Hinterrad bestraft und müsste vom Rad. Nach einer letzen Verpflegung, ging es dann zum Finale. Der alte Kwaremont vom gestrigen Einrollen wartete.

2,2 Kilometer Pflaster mit 4% Durchschnittssteigung und 12% Maximalsteigung. 39:25 drauf und ab der Hälfte des Berges auf große Blatt und drüber. Nun ging es an die letzte Hürde, dem Paterberg. Auf der Abfahrt mussten alle Sportler stoppen und zu Fuß über eine Wiese. Ein altere Fahrer war gestürzt und lag mit wahrscheinlichem Armbruch auf der Straße. Der Rettungsdienst kam direkt nach uns.

Wie am Koppenberg bestand an der letzten Helling die große Schwierigkeit daran, den Berg fahrend zu überwinden. Und das war bei 13% im Schnitt und 20% im Maximum und den wieder schiebenden Sportler sehr schwierig.  Zitat Olli: "Wenn wir noch langsamer fahren, kippen wir um". Und ich mit 39/25. Doch aus dem Sattel und rüber im Zickzack. Fahrender Weise oben angekommen gabs erst mal Fünf. Von da ging es in einer riesigen Gruppe mit phasenweise 50km/h ins Ziel auf dem Profi Kurs vom

Sonntag.
Das war sie dann also die Ronde. Ein super Event und Erlebnis. Absolut empfehlenswert.

Locker 4km durch Oudenaarde zum Parkplatz und mit dem Auto zurück in die Unterkunft. Duschen, ab in die Frittenbude und Bier kaufen. Ab ins Hotel, ein paar belgische Bier (übrigens mit sportlichen 8% Alkoholgehalt), ein Rundgang mit dem Hausherren mit Bier durch seinen Garten, noch ein Bier und um 21 Uhr ins Bett.

Am Sonntag konnten wir dann Fabian Cancellara und Co. drei mal über den Kwaremont fliegen sehen und erleben, was der Radsport in Belgien für ein Volksfest ist. Welch eine Freude, Fans aller Nationen gemeinsam über Stunden feiern und trinken zu sehen. Wer gerne Rad fährt und den Radsport mag, muss einmal nach Belgien. Ein Erlebnis.

 Zum Abschluss ein paar Daten und Fakten.

Nach Netto 7:40 Stunden und einem 31er Schnitt gemessen von offiziellen Start am Marktplatz waren wir am offiziellen Ziel in Oudenaarde.
Brutto waren wir etwa eine Stunde länger unterwegs.

Einige Gels, Müsliriegel und unzählige süße belgische Waffeln und die ein oder andere Trinkflaschenfüllung mussten dran glauben.

 Glücklicherweise keinen Platten. Wir hatten übrigens jeder zwei Ersatzschläuche dabei.

 Nebenwirkungen:

 Olli klagt über
- schmerzende Handgelenke und Finger, den sogenannten Pflasterfingern
- einen leichten Muskelkater
- taube Zehen nach den Pflasterstücken
- akute Unlust auf Kopfsteinpflaster in den nächsten Wochen

 Jörn klagt über
- eigentlich nichts

 Olli und Jörn

Prima geschrieben. Danke für

Prima geschrieben. Danke für diese tolle Geschichte, man leidet beim Lesen regelrecht mit.

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