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Auf königlichen Spuren im ewigen Frühling

Es ist Mitte Februar, die Außentemperatur beträgt 2 Grad unter Null. Um sechs Uhr morgens schieben wir, das sind Alexander Frey, Sascha Kulbe und Holger Evers, unsere Koffer und drei überdimensional wirkende Kartons zum Abflugschalter des Flughafens in Langenhagen. Gran Canaria steht dort als Reiseziel, die "Insel des ewigen Frühlings".

Beim Abflug in Langenhagen herrschte knackiger Frost, also genau das richtige Wetter, um in den Süden zu fliegen. Die dicke Jacke, die selbst für den kurzen Weg vom Auto in das Abflugterminal nötig war, brauchten wir in den nächsten zwei Wochen nicht mehr. Strahlender Sonnenschein empfing uns nach knapp fünf Stunden Flug am Flughafen auf Gran Canaria. Doch der Ärger fing gleich beim Einsammeln des Gepäcks an. Saschas Koffer war offensichtlich ziemlich unsanft verstaut worden, eine der Rollen aus ihrer Halterung gebrochen. Also mussten wir gleich zum Schalter der Fluggesellschaft und den Schaden reklamieren. Aber das war noch nicht alles, unser Reiseleiter sah sich außerstande, uns mit den drei Rädern nach Playa del Ingles zu bringen. Der Spaß hat dann nochmal 40 Euro extra gekostet. Aber bei 20 Grad und dem Atlantik gerade mal einen Kilometer vom Bungalow entfernt wuchs die Vorfreude auf schöne MTB-Touren in den folgenden zwei Wochen. Am ersten Abend haben wir noch kurz die Ortschaft erkundet und das Nötigste eingekauft. Am Morgen genossen wir ein ausgiebiges Frühstück am Buffet der Bungalow-Anlage, in der wir untergekommen waren. Alles wirkte nach unseren mitteleuropäischen Maßstäben leicht renovierungsbedürftig, aber lieber einen Garten mit eigener Palme vor der Tür als im 14. Stockwerk eines Hotels eingesperrt zu sein.

Das Wetter war gut, auf jeden Fall für unser Empfinden. Eine dünne Wolkendecke zog vom Meer über die Insel, aber wir rechneten wie tags zuvor mit reichlich Sonne. Also fuhren wir am späten Vormittag Richtung Inselinneres. Nach ca. einem Kilometer (!) vernahm ich ein leises, rhythmisches Zischen von Saschas Hinterrad. Er wollte es mir erst nicht glauben, aber sein Reifen war kaputt. So kaputt, dass er sogar einen neuen Mantel aufziehen musste, weil eine Glasscherbe seinen Semi-Slick regelrecht aufgeschlitzt hatte. Das fing ja gut an... Aber im zweiten Versuch kamen wir endlich aus dem Ort hinaus und fanden sogar recht problemlos die richtige Straße. Auf Gran Canaria gibt es nur zwei Möglichkeiten, entweder man fährt an der Küste fast flach um die Insel (sollen 220 km sein), oder man fährt in den sogenannten Barancos ins Gebirge. Eigentlich könnte man die Insel als einen einzigen Berg beschreiben, von dessen höchsten Punkt in der Inselmitte tiefe Schluchten (Barancos) wie die Speichen eines Rades zur Küste hin verlaufen. In einer dieser Schluchten fuhren wir nun bergauf, dorthin, wo die Wolken immer dichter wurden. Nach etwa anderthalb Stunden, auf knapp 1000 Metern Höhe, fing es leicht an zu regnen. Wir waren bis in die tiefhängenden Wolken gefahren, die Sichweite nahm immer weiter ab. Aber Alex, schon öfter auf den Kanaren im Urlaub, war der Meinung über die Wolkenobergrenze fahren zu können. Je weiter wir fuhren, desto kälter wurde es. Nur noch um die zehn Grad hatten wir am "Passo della Heradura". Hier sollte eine der beschriebenen Touren aus einer Bike-Zeitschrift beginnen. Da mir, wie die anderen nur mit Weste, Armlingen und Beinlingen bekleidet (Sascha hatte nicht mal die) schon fröstelte, schlug ich vor, eine kürzere Tour zu machen. Wir suchten uns also auf der Karte eine als Wanderweg markierte Tour vom Pass (am "Cruz Grande") in Richtung Küste. Inzwischen waren wir mitten in den Wolken, von der Landschaft war nichts zu sehen, die Sichtweite betrug höchstens 200 Meter. Der Weg war zwar gut fahrbar, aber alles war nass, der feine Sand und Staub wurde zu einer klebrigen, lehmigen Masse, die sich überall am Rad festsetzte. Meine Kette, gerade neu aufgezogen, versagte immer häufiger ihren Dienst und quittierte jedes kraftvollere Treten mit einem Chainsuck, indem sie sich vom Kettenblatt hochziehen ließ und an der Kettenstrebe einklemmte. Nach bestimmt zehn Kilometern trauten wir unseren Augen nicht, der Weg war mit einem Mal völlig unvermittelt zu Ende. Da standen wir nun im Nebel, frierend und leicht orientierungslos. Hatten wir die Karte falsch gelesen, einen Abzweig verpasst? Uns blieb keine andere Wahl als umzukehren, da bei der Sicht keinerlei Orientierung möglich war. Also den einige Kilometer vorher abgehenden Weg hinunter, das sollte der Karte nach auch gehen. Doch was war das, nach einigen Kilometern klaffte ein riesiges Loch in der Straße, mehrere Meter einfach weggeschwemmt. Wir sind dem Weg trotzdem weiter gefolgt, wir hatten auch kaum eine Wahl. Doch - auch der Weg war eine Sackgasse. Der gut ausgebaute Fahrweg endete an einigen Regensammelbehältern, nur ein paar Steinhaufen lagen noch in der Richtung, die wir auf der Karte als Weg eingezeichnet sahen. Aber da war kein Weg zu erkennen. Also wieder zurück, es wurde immer kälter. Mittlerweile versagte auch Alexanders Kette, nur noch auf dem großen Kettenblatt war ein Fortkommen möglich. An jeder größeren Steigung hieß es absteigen und schieben. Dann endlich, wir waren wieder am "Passo della Herradura", von hier aus führt die Hauptstraße bis an die Küste. Doch jetzt wurde es erst richtig kalt, eine Abfahrt auf nasser Straße ohne Schutzbleche. Sascha konnte seine Finger kaum noch zum Bremsen bewegen, seine Knie liefen blau an. Am Rande einer Ortschaft haben wir auf ihn gewartet, Alexander zitterte wie Espenlaub, die erste Tour hatten wir uns anders vorgestellt. Aber wir sind wieder nach Hause gekommen, und krank geworden ist auch niemand. Nur ein leichter Husten hat uns noch ab und zu an den ersten Ausflug erinnert.

Stochern im Nebel Wo ist die Straße? Bitte annehmen!

Am zweiten Tag war das Wetter tatsächlich noch schlechter, unser Versuch zu trainieren ist schon nach wenigen Kilometern von einem heftigen Regenschauer unterbrochen worden. Am Abend hat richtig kräftiger Dauerregen eingesetzt, der mehrere Stunden anhielt. Das war die willkommende Gelegenheit den Urlaubsaspekt dieser zwei Wochen nicht zu kurz kommen zu lassen. Schließlich ist Gran Canaria eine beliebte Urlaubsinsel bei Jung und Alt - vielleicht auch nur bei alt, hauptsächlich Rentner und Familien mit kleinen Kindern bevölkerten in diesen Tagen Maspalomas.

Ab dem dritten Tag wurde das Wetter deutlich besser, Sonne ohne die Gefahr von Regen. Und auch am "Passo della Herradura", zu dem wir einige Male hinauf gefahren sind, schien die Sonne. Bei diesem Wetter konnte man auch den Weg erkennen, der sich nur wenige Minuten Fahrzeit entfernt fast schon atemberaubend in den Ort hinunterstürzt. Zwei Tage zuvor waren wir hier noch vorbei gefahren, weil von der Stelle, von der das Foto gemacht wurde, kein Weg zu erkennen war! Tags drauf fahren wir ganz hinauf zum 1951 Meter hohen "Pico de las Nieves", vorbei am "Roque Nublo", einem Wahrzeichen der Insel. Von oben kann man bis "Las Palmas" sehen, sehr groß ist die Insel nicht. Ganz oben war es recht frisch, die Jacken waren dort durchaus angebracht, aber "Manolo", so wollen wir ihn mal nennen, versorgte uns uns die wenigen Touristen gut. Er versicherte uns auch der kleine, kam zu erkennende Weg von dort oben wäre gut zum Biken. Im Prinzip war der obere Teil nicht besonders anspruchsvoll, aber die dichten Büsche machten die Abfahrt zu einer für die Hände schmerzhaften Erfahrung. Einmal standen sie auch so dicht, dass sich mein Lenker in einem von ihnen verhakte. Leider verpassten wir dann die weitere Abfahrt, bei wieder dichter werdender Bewölkung entschlossen wir uns zur Abfahrt auf der Straße.

Singletrails ohne Ende Der Roque Nublo Aussicht vom Pico de las Nieves
Stärken vor der Abfahrt Manolos Bistro Endlich ein gemütliches Plätzchen

Ein neuer Tag, noch schöneres Wetter. Wir nutzen den Sonnenschein, um zahlreiche Fotos zu schießen. Aber es wurde noch besser, Ende der ersten Woche war wirklich kein Wölkchen mehr am Himmel. Alex hat dies genutzt, um bergauf die weißen Streifen unter den Helmriemen zu bräunen. Die Sicht war so gut, dass man bis nach Teneriffa zum "Pico de Teide" gucken konnte (Bild rechts unten, ganz hinten, mit Schnee).

Gute Aussicht Aufstieg auf der Straße Flanieren vor der Kulisse Teneriffas

Den nächsten Morgen dachten wir die Berge wären in Dunst gehüllt, aber in Wirklichkeit handelte es sich um Sahara-Staub, den ein warmer Wüstenwind über den Atlantik trug. Mir setzte das Wetter so zu, dass ich auf der Tour Kreislaufprobleme bekam und einen Tag pausieren musste. Die ungewohnte Anstrengung war wohl auch etwas viel, schließlich war es für uns alle das erste richtige Trainingslager. Kurz nach dem "Passo della Herradura" (mal wieder) gab es auch noch etwas für die Bud Spencer-Fans unter uns ("Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle"). Aber das Beste sollte dann folgen: Einer der besten Downhills, der uns je unter gekommen ist führt fast vom Gipfel des "Pico de las Nieves" bis hinunter nach "San Bartolome de Tirajana", dem Verwaltungszentrum der südlichen Insel. Oben fast wie eine Mondlandschaft, folgt unvermittelt ein gepflasterter Weg, wirklich atemberaubend an die steilen Felswände gebaut. In zahlreichen Serpentinen führt er nach unten, aber dann ist es noch lange nicht zu Ende. Hier werden die Abgründe zwar weniger schwindelerregend und der Weg etwas weniger steil, aber zahlreiche Stufen mit Absätzen bis zu einem halben Meter erfordern wirklich gute Fahrkünste - oder gutes Schuhwerk.

Wohnt hier Plata? Mondlandschaft Jetzt geht's abwärts

Die Abfahrt ist so genial, dass wir nach einem Ruhetag gleich noch einmal hoch gefahren sind. Mittlerweile ist war so warm, etwa 25 Grad, dass auch ganz oben ein Kurzarmtrikot völlig ausreichte. Die Vorfreude auf die Abfahrt ließ die Auffahrt erträglicher werden, immerhin wieder drei Stunden bergauf. Und wieder hinunter, schon etwas flotter und mit weniger Respekt vor der schwindelnden Höhe. Danach konnte man sich in San Bartolome gut verpflegen, bei "Manuel" war es sogar billiger als im Spar von Maspalomas. Und die Leute in den Bergdörfern wissen, wie man gut leben kann. Wer mal in der Gegend ist, muss dort unbedingt einkaufen, ist direkt an der Kirche...

Die Qual der Wahl Manuel hat's raus Das ist nicht gestellt...

Am letzten Tag haben wir noch mal alles gegeben, weil das nicht mehr so viel war hatten wir auch noch Zeit ein paar Actionfotos zu machen. Leider gingen auch die zwei Wochen irgendwann zu Ende und wir mussten zurück ins kalte Deutschland - wobei die Temperatur eigentlich weniger das Problem war. So habe ich das zumindest empfunden, acht Grad waren es am Tag unserer Rückkehr. Schlimmer war da schon das triste Grau in Grau statt morgens von der Sonne geweckt zu werden.

Ach ja, wir sind doch nicht nur Rad gefahren. Besonders gut hat uns auf unseren Ausflügen der Messerschleifer gefallen, der die Messer an einem Schleifstein geschärft hat, den er mittels Zahnriemen mit Hilfe seines Mopeds bewegt hat. Im Meer waren wir selbstverständlich auch, obwohl das doch ziemlich frisch war: Einen Bootsausflug haben wir auch gemacht.

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